Krankenhaus… Teil 3

Ich mag alte Menschen. Ich weiß nicht, wieso. Doch eigentlich weiß ich das. Sie haben mir an Lebenserfahrung so viel voraus, und haben sehr viel erlebt. Auch wenn sie inzwischen verwirrt, senil und nicht mehr mobil sind, haben sie unseren Respekt verdient! Ich rede gerne mit ihnen und bin deswegen auch aktiv bei dem Seniorenkreis unserer Gemeinde dabei.

Und von dem Respekt habe ich im Krankenhaus einfach nichts gespürt. Die Dame mir gegenüber wirkte so, als würde sie meine erste Nacht im Zimmer nicht überleben… Panikattacke, Atemnot und sehr unruhig… und jedes Mal hat sie geklingelt. Ich kann das verstehen. Wenn es mir besser gegangen wäre, hätte ich mich an ihre Seite gesetzt. Sie sagte der einen Krankenschwester, dass sie Angst hätte vor der OP. Die Reaktion der Krankenschwester hat mich bis ins Tiefste getroffen. „Nein, Sie haben keine Angst! Jetzt schlafen Sie“, und damit war sie wieder aus dem Zimmer draußen.

Jemandem seine Gefühle abzusprechen ist das schlimmste in meinen Augen. Diese Frau hatte wirklich Panik vor der OP. Ich habe mich zusammen gerissen und habe ein Gespräch mit ihr begonnen. Und ich habe heraus gehört, dass sie nicht nur Angst vor der OP hatte, sondern Todesangst. So eine Person kann man unmöglich mit den Gefühlen alleine lassen. Ich hatte kein Zeitgefühl, aber wir haben lange gesprochen, bis sie schlafen konnte. Am nächsten Tag war die OP und als sie wieder ins Zimmer gebracht wurde, fragte sie den „Bettenfahrer“ als erstes, ob die rothaarige Dame noch da wäre. Sie bedankte sich und meinte, sie hätte sich getragen gefühlt. Sie war nach der OP noch verwirrter, meinte, dass sie auf den Schieber müsste und es kam nichts. Das ärgerte scheinbar die Schwestern noch mehr und es war nicht selten, dass die Türe knallte oder die Dame dazu angehalten wurde, nur zu klingeln, wenn sie sich wirklich sicher sei. Sie ließen sie auch teilweise nicht zugedeckt liegen, so dass man sehr viel von der Dame gesehen hat. Die Würde des Menschen wurde in meinen Augen herabgesetzt.

Die andere Dame neben mir hielt jede von uns für ihre Tochter. Und das jedes Mal, wenn sie einen von uns wahrnahm. Ich machte mir die Mühe, ihr jedes Mal aufs Neue zu sagen, dass wir im Krankenhaus liegen und ihre Tochter zu Besuch kommen würde. Mit meinem Kopf und den Schmerzen war das eigentlich eine Leistung, die ich kaum erbringen konnte, aber keine der Schwestern ist auf diese beiden eingegangen, hat sie dort abgeholt, wo sie waren.

Mittwoch Abend war ich dann allerdings so fertig, dass ich das Angebot der Schwester annahm und in dem Aufenthaltsraum schlafen durfte. Nachdem die eine aufstehen wollte, nicht durfte und ich geklingelt habe und es geschafft habe innerhalb der 10 Minuten bis die Schwester kam, dass sie wieder lag. Das hat mich über meine Kräftegrenzen gebracht. Am Donnerstag habe ich beschlossen, dass es besser ist für mich, wenn ich Zuhause weiter ruhig bleibe und gesund werde.

Der Arzt gab sein OK und ich durfte nach Hause. Hier genieße ich die Ruhe. Es gibt keine harschen Worte der Krankenschwestern, kein dauerhaftes Klingeln. Es gibt hier niemanden, der etwas von mir will oder ohne Ankündigung das Licht anknipst. Hier weiß ich, wie ich mich trotz Schwindel bewegen kann und dass ich mich auf mich verlassen kann.

Inzwischen ist der 09.10. und ich habe noch ein paar Nachwirkungen, aber damit kann ich leben und es wird von Tag zu Tag besser.

Ich leide allerdings darunter, das Wissen zu haben, dass es tagtäglich auf dieser Station Patienten gibt, die so behandelt werden, wie die Damen und ich. Mein Bewusstsein für den Stress ist vorhanden – aber ich frage mich, ob man sein Einfühlungsvermögen dafür aufgeben muss, um diesen Job zu machen. Wenn Menschen die Leidenschaft für ihren Beruf fehlt, kann es (besonders im Sozialwesen) schnell sehr fies werden…

In welchem Deutschland leben wir? Sollten wir nicht eigentlich eine ganz andere Art haben, mit unseren Mitmenschen umzugehen? Sollten wir nicht einen annehmenden und wertschätzenden Blick auf alte Menschen haben? Viele haben Deutschland wieder aufgebaut nach dem Krieg! Viele haben Verluste erlitten oder andere traumatische Erlebnisse gehabt. Sollten wir dafür nicht Respekt zollen und für sie da sein?

Was bitte ist aus unserer Menschlichkeit geworden?

Zum Schluss möchte ich sagen, dass ich dankbar für die wenigen Menschen bin, die diese Menschlichkeit gezeigt haben. Die für uns da waren und die vieles möglich gemacht haben. Bei so viel negativem verlieren sie nicht den Blick auf das Positive und ich bin dankbar, dass es 2-3 Schwestern gab, bei denen ich mich sicher und aufgehoben gefühlt habe und als Mensch wahrgenommen wurde.